Warum agentische KI-Unternehmen organisatorisch stärker fordert, als viele derzeit glauben
In der vergangenen Woche habe ich mir selber ein Seminar zu Claude Cowork gegönnt. Nein, keine Sorge, hier kommt jetzt nicht das nächste Hohelied auf ein Tool, das derzeit in aller Munde ist und die Arbeitswelt revolutionieren wird.
Gar keine Frage: Claude als Tool und insbesondere seine Funktion Cowork sind über das Stadium „hat Potential“ schon weit hinaus gewachsen. Und so haben wir im Seminar use cases bearbeitet und vertieft, in denen unser neuer Partner in atemberaubender Geschwindigkeit
- Dateien und Daten analysiert
- Informationen strukturiert
- ganze Projektaufträge verstanden und
- mehrstufige Aufgaben eigenständig bearbeitet
hat.
Schnell wurde klar: Claude Cowork ist weit mehr als eine kosmetische Weiterentwicklung klassischer Chatbots. Es ist ein System mit Skills, das innerhalb echter Arbeitsumgebungen eigenständig agiert. Anthropic beschreibt Cowork explizit als „agentic AI for knowledge work“. Wissensarbeit ist das relevante Stichwort. Mit Cowork nähert sich KI erstmals echter Assistenzarbeit an. So gut, so beeindruckend.
Die eigentliche Erkenntnis kam – wie so oft – mit etwas Abstand, zeitverzögert am Abend. Tagsüber war es noch ein Gefühl, doch je länger ich mich mit dem neuen Wissen auseinandergesetzt habe, umso klarer wurde mir:
Das limitierende Element agentischer KI ist längst nicht mehr die Technologie.
Die eigentliche Herausforderung, ist die Art, wie Unternehmen häufig (noch) arbeiten.
Claude Cowork ist mehr als ein besserer Chatbot
Viele KI-Systeme funktionieren bislang nach einem einfachen Prinzip:
Frage stellen, Antwort erhalten. Claude Cowork geht deutlich weiter.
Das System arbeitet projektbezogen, verarbeitet Dateien, behält Kontext über längere Abläufe hinweg und kann Aufgaben in mehreren Schritten bearbeiten. Nicht mehr nur einzelne Prompts stehen im Mittelpunkt, sondern zusammenhängende Arbeitsprozesse.
Genau das verändert die Rolle solcher Systeme. KI erzeugt nicht mehr nur Inhalte auf gezielte Abfrage. Sie beginnt, ganze Arbeitsschritte autark zu übernehmen.
Für die einen klingt das faszinierend, für die anderen vielleicht auch bedrohlich. Auf jeden Fall verschiebt sich damit die Kompetenzanforderung an die Menschen, die mit diesen Systemen arbeiten. Und das geht weit über Prompt Engineering hinaus.
Mit agentischer KI wird Delegation zur Schlüsselkompetenz
Viele Unternehmen diskutieren derzeit über KI-Tools. Welches ist am performantesten, wieviel Kosten können wir damit einsparen?
Wesentlich relevanter ist aber eine andere Frage. Können Menschen eigentlich klar delegieren?
Delegationsfähigkeit war bisher primär eine Führungsaufgabe. Mit agentischer KI wird sie plötzlich zur Grundkompetenz vieler Wissensarbeiter.
Denn wer mit solchen Systemen arbeitet, delegiert nicht mehr nur einzelne Aufgaben, sondern steuert ganze Arbeitssysteme – wie eine Führungskraft. Und dafür braucht es dann eben auch Fähigkeiten, die bislang häufig nur von Führungskräften erwartet wurden:
- Ziele formulieren
- Prioritäten setzen
- Rollen und Verantwortlichkeiten definieren
- Informationen sauber strukturieren
- Ergebnisse bewerten
- Verantwortung für den Output übernehmen.
Mit anderen Worten:
Agentische KI verschiebt Führungsanforderungen plötzlich in die Breite der Organisation.
Viele Unternehmen unterschätzen genau diesen Punkt. Sie investieren in neue KI-Systeme, ohne zu erkennen, dass sich damit gleichzeitig die Kompetenzprofile ihrer Mitarbeitenden radikal verändern. Agentische KI macht aus vielen Fachkräften Auftraggeber.
Wer jemals frisch in einer Führungsrolle war, kennt dieses Problem:
Ich weiß genau, was ich haben möchte. Warum nur versteht mein Gegenüber es nicht?
Die guten Führungskräfte lernen irgendwann:
Weil der Auftrag nicht klar genug formuliert war. Weil Prioritäten nur implizit kommuniziert wurden. Weil man glaubte, „das müsste doch eigentlich klar sein“.
Ist es aber oft nicht.
Und genau dieselbe Schwäche wird bei agentischer KI plötzlich sichtbar. Vielleicht sogar schonungsloser als bei menschlichen Mitarbeitern.
Denn agentische Systeme benötigen genau das:
- eindeutige Ziele
- klare Rollen
- echte Prioritäten
- strukturierte Informationen
- nachvollziehbare Prozesse mit definierten Übergabepunkten
Wenn diese Klarheit fehlt, entstehen Schleifen, Missverständnisse und Kontrollaufwand.
Das ist für sich genommen nichts Neues. Als Auditorin im Qualitätsmanagement habe ich häufig genug erlebt, was passiert, wenn Prozesse in Unternehmen nicht beherrscht werden und das Qualitätsmanagementsystem nur als Feigenblatt vorgehalten wird. Auch Menschen leiden unter schlechten Strukturen und können ihre Leistung deshalb häufig nicht vollständig auf die Straße bringen.
Im Gegensatz zur KI sind Menschen aber anpassungsfähig. Sie entwickeln Workarounds und improvisieren dort, wo Prozesse Lücken aufweisen.
KI kann das oft nicht. Oder sie beginnt, diese Lücken mit Halluzinationen zu füllen.
Die erste Kernfrage lautet also:
Sind meine Mitarbeitenden reif für agentische KI?
KI macht schlechte Prozesse sichtbarer
Agentische Systeme funktionieren nur begrenzt in chaotischen Strukturen.
Viele Unternehmen sehen derzeit in KI einen Heilsbringer, der bestehende Ineffizienz ausgleichen kann: mehr Geschwindigkeit, weniger Aufwand, bessere Ergebnisse.
So funktioniert es aber nicht. In vielen Unternehmen funktionieren Abläufe nur deshalb stabil, weil erfahrene Mitarbeiter täglich informell Lücken schließen:
- fehlende Dokumentation
- widersprüchliche Zuständigkeiten
- implizites Wissen
- historisch gewachsene Sonderlösungen
- unklare Übergaben.
Menschen kompensieren organisatorische Schwächen permanent.
KI kann das nicht. Dadurch entsteht ein interessanter Effekt:
Die Einführung agentischer KI macht Prozessprobleme sichtbarer, die bisher im Arbeitsalltag einfach mitgetragen wurden.
Das ist der zweite Kernpunkt, warum die digitale Transformation in Unternehmen häufig ins Stocken gerät. Das Problem ist nicht die Technik, das Problem ist die Organisation und der Mensch dahinter.
Nicht jedes Unternehmen sollte jetzt dem KI-Hype hinterherrennen
Claude Cowork ist beeindruckend. Trotzdem halte ich es für irreführend, wenn Unternehmen aktuell vor allem über Tools sprechen.
Auch die leistungsfähigste KI ersetzt keine fehlende Prozessklarheit.
Oder ganz klar ausgedrückt: wer unstrukturierte Abläufe automatisiert, beschleunigt häufig nur bestehendes Chaos. Und dann kommt schnell das Urteil: ist doch alles Mist.
Unternehmen stehen deshalb jetzt möglicherweise vor einer unbequemen Erkenntnis:
die Einführung agentischer KI ist weniger eine Technologiefrage als eine Organisationsfrage.
Bevor Systeme Aufgaben eigenständig bearbeiten können, müssen Unternehmen ihre Hausaufgaben machen und verstehen, wie ihre eigene Arbeit tatsächlich funktioniert. Wer jetzt glaubt, das seien Einzelfälle, irrt. Als Prozessexpertin sage ich Ihnen: das ist Alltag in Organisationen. Zu Beginn der Corona-Pandemie kam eine größere öffentliche Verwaltung auf uns zu und stellte uns als Dienstleister die Frage: „welche unserer Aufgaben sind denn eigentlich systemrelevant?“ Ernsthaft, kein Witz.
Der eigentliche Engpass ist nicht mehr die Technologie
Fragen Sie sich als Geschäftsführer:in oder CEO deshalb bitte nicht zuerst: welches KI-Tool sollen wir kaufen?
Die echte Frage lautet:
Ist meine Organisation überhaupt KI-ready?
Agentische KI verändert Softwarelandschaften, aber die eigentliche Herausforderung wird nicht in der IT gelöst. Agentische KI verändert die Anforderungen an Prozesse, Verantwortlichkeiten und Kompetenzprofile und ist deswegen vor allem eine Managementaufgabe.
Unternehmen müssen künftig deutlich klarer definieren:
- wie Arbeit organisiert ist
- wo Verantwortung beginnt und endet
- welche Informationen tatsächlich belastbar sind
- und wie Wissen und Daten im Unternehmen organisiert und weitergegeben werden.
Viele Organisationen stehen dabei vor einer unbequemen Wahrheit: ihre Prozesse funktionieren häufig nur deshalb, weil erfahrene Mitarbeiter täglich improvisierend Lücken schließen und organisatorische Schwächen kompensieren.
Menschen können das. KI-Systeme sind dafür nicht konzipiert.
Genau deshalb liegt der eigentliche Engpass bei agentischer KI heute nicht mehr in der Performance der Technologie, sondern in der organisatorischen Reife von Unternehmen.
Claude Cowork zeigt diesen Wandel sehr deutlich und legt den Finger in die Wunde.
Oder anders formuliert: KI ersetzt keine schlechte Organisation. Sie macht sie unübersehbar.
Bild erstellt mit KI (ChatGPT)

